Toxpack im Interview beim Endless Summer!

Im Rahmen vom Endless Summer-Festival in Torgau habe ich mit Schulle und Hinni (Vocals bzw. Drums) sowie den Produzenten Matze und Harris vom Music Lab Berlin ein Interview geführt. Nach Stunden voller Regen brachten die Berliner eine ordentliche Portion Sonnenschein nach Torgau und noch während die Gumbles ihr Set spielten haben wir uns Backstage zurückgezogen und 20 Minuten über das 10-jährige Jubiläum und die neue CD “Bastarde von Morgen” geredet, welche am 2. September erscheinen wird. Lest selbst…

RnR: Fangen wir mit der 10-Jahres-Frage an. 10 Jahre Toxpack liegen hinter euch, es sind einige – auch graue – Haare hinzugekommen. Fühlt ihr euch schon richtig alt?

Schulle:  Nö – also Hinni und Herr Schulz, wir sind ja die Jüngsten in der Band wie jeder weiß.  Wir fühlen uns ein bisschen… nein wir fühlen uns gar nicht alt. Wir sind auf jeden Fall bereit noch eine Schüppe draufzulegen und die nächsten 10 Jahre anzugehen. Wir sind noch nicht satt!

Hinni: Wir fangen eigentlich gerade erst an!

RnR: Drohung oder Versprechen?

Hinni: Sowohl als auch -  je nachdem wo du stehst.

RnR: Da hat sich die Frage wie lange ihr noch weiter machen wollt eigentlich erledigt?!

Schulle:  Wir haben uns überlegt, auf jeden Fall bis zur 20 zu machen.

Hinni: Bei 20 Jahren überlegen wir nochmal neu. Aber bis dahin haben wir einen Masterplan: Weltherrschaft und reich werden!

RnR: Musikalisch ist in den 10 Jahren auch einiges passiert. Von anfänglich ziemlich hartem Hardcore-Sound kommen immer mehr Hard’n’Heavy-Einflüsse in die Songs. Seid ihr prinzipiell offen, was euch als nächstes packt oder denkt ihr euch vor einer neuen Platte, was man nun etwas mehr einbringen könnte im stilistischen Sinne?

Hinni: Wir sind prinzipiell offen. Das kannst du auch an den letzten Platten sehen, wo wir unterschiedliche Schwerpunkte hatten. Wir haben keinen Plan in dem Sinn, dass wir sagen „Jetzt kommt ein Platte, die ein bisschen  mehr rockig, mehr metalig oder punkig ist“, sondern das kommt im Laufe des Songwritings von selber.  Wir unterhalten uns miteinander, so dass es einfach ein rundes Bild abgibt. Im Prinzip sind wir für alle Richtungen offen – natürlich läuft es immer auf Rock in irgendeiner Form hinaus. Wahrscheinlich werden wir niemals eine Reggae-Platte machen.

Schulle: Das sind ja auch diese Kategorien, wo wir selbst experimentieren, wie wir das musikalisch mögen. Egal ob Metal, Punk, Hardcore – wir bedienen uns den Sachen je nachdem wie wir drauf sind. Die Band fühlt sich wohl mit dem Sound, also wird auch damit weiter gearbeitet.

Hinni: Wichtig ist, dass sich alle Fünf gut damit fühlen, egal welche Richtung das ist.


RnR: Wo wir einmal bei der Musik sind, machen wir gleich weiter mit der „Bastarde von Morgen“.  Die ist wieder eine Spur härter als die „Epidemie“. Welche Einflüsse waren nun anders bei  dem Album?

Schulle: Wir haben nach Gefühl gearbeitet. Wir hatten das Gefühl beim dem Lied „Bastarde von Morgen“  einen sehr Heavy-lastigen Song zu machen im Motörhead-Style. Wir mögen die Art  und Hinni spielt viel Double-Bass in dem Song und das knallt gut! Dann gibt es auch wieder andere Songs, die sind sehr melodisch-rockig . Gerade dieses Lied “Bastarde von Morgen” war so eine Dampfwalze, wo wir ein bisschen was raus lassen wollten. Aber da sind einige Knaller mehr auf dem Album die genau so eine Energie vermitteln.

RnR: Gastsänger habt ihr auch wieder dabei. Diesmal von LAST RESORT und SHEER TERROR. Wie kommt das zustande. Habt ihr eine Liste mit Kandidaten oder entsteht eine Zusammenarbeit eher spontan?

Schulle: Dieses Mal war es wirklich so, dass jeder seine Idee hatte. Dass darf ich jetzt ruhig erzählen, oder? …da es nicht geklappt hat. Hinni wollte Kontakt aufbauen zu DORO bzw. hat sie sogar getroffen.  Wir reden von Doro Pesch, ja! Es hat leider nicht funktioniert, weil Doro keine Zeit hatte oder es wahrscheinlich wieder vergessen hat. Hehe… Wir hätten nicht nein gesagt! Hätt es funktioniert, wäre es sicher sehr interessant geworden im Zusammenspiel mit so einer kultigen Rocker-Lady. Mal im Ernst, grundsätzlich kommen die Leute aus unseren Freundeskreis oder weil es unsere alten Helden sind. Dadurch dass man leichter rankommen kann an solche Bands, da wir selbst Musik machen und mit vielen Leuten die Bühne teilen, war es sehr einfach. Also mit Roi (Last Resort) haben wir einige Shows zusammen gespielt und wir kennen ihn auch persönlich. Die Zustimmung von Paul hat mich persönlich sehr gefreut, weil ich bin ein „Sheer Terror“- Fan seit 1990 und war total aufgeregt als das „Ja“ aus New York kam. Es hat ein bisschen gedauert bis es wirklich ankam, aber es kam richtig wuchtig an.  Grundsätzlich haben wir keine Liste, aber wir haben unsere Vorstellungen.  So sind wir auch verblieben: Wir arbeiten nur mit Leuten zusammen, die man persönlich kennt oder wir sind eben selber totale Fans von denen.

Hinni: Bei der nächsten Platte werden wahrscheinlich Jim Morrison und Jimmy Hendrix dabei sein.

Schulle: Die werden wir nochmal ausbuddeln!

RnR: Viel Erfolg! Kommen wir zur Song-Enststehung. Bei fast allen Liedern steht Tommi als Texter oder Ideengeber für die Musik. Herrscht bandintern eine Diktatur oder doch eher Demokratie?

Hinni: Es ist so, dass meistens Tommi ankommt mit Ideen für einen Song.  Wobei das bei jeder Platte auch nicht gleich ist. Es hängt immer davon ab wer gerade genug Zeit hat. Aber meistens ist des Tommi, der mit irgendwelchen Riffs ankommt oder Texten und wir in den Proberaum gehen und darauf etwas herum jammen bis wir merken, dass es uns gefällt. Das Gerüst kommt also von Tommi und wir alle schmücken das im Proberaum dann aus. Also bei der letzten Scheibe fand ich das Ganze recht harmonisch. Bei der davor („Epidemie“) waren mehr Anteile von Allen dabei, was teilweise schwierig aber im Endeffekt doch wieder geil war, weil es ein Abbild von uns allen war. Was die  Effektivität angeht, finde ich es gut, wenn Einer mit einer Idee ankommt , Alle diese zerfleddern, neu zusammen setzen und somit was draus machen.

Schulle: Wir haben auch gesehen, dass Tommi die letzten drei Platten mit vielen Ideen kam. Solange was gut läuft, sollte man es auch nicht ablegen. Tommit hat gute Ideen mit Texten und Melodien und wenn die Chemie passt, dann brauch sich keiner benachteiligt fühlen. Dann wird das angenommen und das ist nämlich mehr Demokratie, wenn man sagen kann „Warum soll ich es ablehnen, wenn es wirklich gut ist?“.  Der Feinschliff entsteht aber immer zusammen und wenn Tommi da im Booklet steht, dann steht er auch berechtigt da!

Hinni: Mal ein konstruiertes Beispiel. Tommi kommt mit einem Riff an und dann jammen wir drauf herum und gucken was passiert. Martin kommt dann vielleicht mit einem geilen Bass-Sound, den er sich überlegt hat, der dann am Ende vielleicht das tragende Element wird. Da ist dann in dem Sinne eine Menge Spiel drin. Das passiert Alles im Proberaum und hängt von der Tagesform und allen möglichen Sachen ab.

RnR: Die Aussagen sind zumindest gefühlt wesentlich sozialkritischer als bei einigen Vorgängeralben. Ihr sprecht einige Dinge sehr konkret an. Ist das jetzt nur mein Gefühl oder wolltet ihr euch wirklich mal auskotzen über diverse Sachen in der heutigen Zeit?

Schulle: Das machen wir eigentlich schon seit einigen Jahren. Wir sprechen bewusst einige Sachen sozialkritisch an. Aber ich denke wir sind in der Beziehung auch ein bisschen gereift. Dass wir beispielsweise einen Song schreiben, in dem es darum geht, dass wir Menschen diesen Planeten vernichten, ist auf eine Toxpack Scheibe schon was Besonderes!  Wir öffnen uns auch in dieser Hinsicht es ist und ernst. Und mal ehrlich wir sind nie eine Fußball Proll Band gewesen, auch wenn wir ein paar Fußballsongs gemacht haben. Heutzutage gehen wir an bestimmte Sachen kritischer ran und behandeln Themen weltoffener.

Hinni: Also die „Epidemie“ war wesentlich persönlicher von den Texten her – also sehr viel aus dem privaten Bereich. Es ist seit dem einfach so viel passiert in der Welt – z.B. Fukushima oder noch vieles Anderes. Natürlich spiegelt sich das auch wieder in den Songs. Wenn in der Weltgeschichte so krasse Dinge wie im Augenblick abgehen, dann werden unsere Lieder das auch irgendwie zum Thema haben.

RnR: Von wem kam die treibende Idee zur Cover-Gestaltung? Es ist ja doch sehr außergewöhnlich geworden.

Hinni: Es war eine Suff-Idee. Auf der Rückfahrt im Bus entstand es, glaube ich…

Schulle: Ja, also verfeinert haben wir es im Studio. Wir haben uns Gedanken drüber gemacht, wo feststand wie die Platte heißen wird. Dann haben wir uns einige Sachen überlegt, die alles so darstellen, dass die Leute gleich gucken. Dann kam die Idee mit den Babys. Das es Ratten wurden war meine Idee, denn Hunde gab es schon oft.

Hinni: Wir hatten am Anfang, glaube ich, ein Schwein, oder? Es sollte erst ein Schwein sein, dass menschliche Babys säugt. Irgendwie sind wir dann auf Ratten gekommen wegen Kanalisation und so. Ich musste das Ganze dann einem amerikanischen Grafiker so auf Englisch, dass auch die Idee gut herüber kommt. Er hat es direkt beim ersten Entwurf auch so umgesetzt!

RnR: Warum ist „Bastarde von Morgen“ der Titel vom Album geworden und nicht beispielsweise „Zehn“?

Hinni: Weil es der zweitbeste Song ist! (Schulle lacht)

RnR: Welcher ist der beste?

Hinni: Für mich „An all die Dämonen“, weil ich find den Text total cool. Der trifft mein momentanes Gefühlsleben sehr gut.

RnR: Das Video von „Bastarde von Morgen“ erinnert mich ein bisschen an den Clip zu „Cultus Interruptus“.  War das so gewollt noch einen Gassenhauer mit Leuten aus der Berliner Szene zu drehen?

Schulle: Nicht wirklich. Ein bisschen hast du Recht – also vom Aufbau her und mit den Leuten die am Anfang da so herumlaufen und so. Aber die Story ist anders. Wenn man den Text hört, dann bemerkt man auch dass es um Subkultur und Leute handelt die anders aussehen, die ihr Leben leben wie sie es für richtig halten. Die haben was zu sagen, werden aber trotzdem komisch angeguckt, aussortiert und ausgesondert. Wir kennen so viele „bunte Hunde“ – die haben so viel erlebt und so viel gesehen wir kaum ein Anderer. Es ist eben immer noch ein Gesellschaftsproblem und in dem Video präsentieren wir Freunde, die aus verschiedenen Subkulturen kommen – aus dem Metal-, Punk-, Psycho- und  Hardcorebereich, der Skinheadszene und so weiter. Das Video soll zum Nachdenken anregen.

Hinni: Wir haben auch Wert drauf gelegt, dass es Leute sind, die ein bisschen kaputt aussehen oder seltsam. Also mit Iro oder allgemein nicht so die 08/15-Gestalten. Bei Cultuts war es gewollt verschiedene Subkulturen zu haben. Hier war es mehr als Konnotation, also als Hintergrundgestaltung gedacht.

Matze (Produzent): Ich glaube, dass der Song einen unheimlich genialen Bezug hat zu England. Ha, ha, ha, ha….

Schulle: Wie gesagt – du kannst auch gerne unsere lieben Produzenten befragen.

RnR: Gute Idee. Also Harris, wie ist es mit diesen fünf Chaoten zusammen zu arbeiten?

Harris Johns: Wie es ist? Ja, es läuft prima und feinstens. Hmm… ich muss mal überlegen.

Schulle: Da muss er sich gut überlegen, was er nun sagt!

Harris Johns: Also ich kenn die ja jetzt schon eine ganze Weile und bin seit über einem Jahr bei den Shows dabei gewesen und es lief eigentlich alles ganz organisch. Die Produktion lief grob noch Plan, es war klar was passiert und es gab kaum Überraschungen.

Schulle: Man muss ja auch dazu sagen, dass uns Harris vor 4-5 Jahren kennengelernt hat. Da waren wir noch ein ziemlicher Chaotenhaufen! Wir haben uns in den Jahren nicht nur musikalisch weiter entwickelt, sondern wir haben auch menschlich – jeder für sich persönlich – geändert. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir lieb und nett sind, sondern wir sind eben nicht mehr diese Chaoten-Band.

Harris Johns: Also eins kann ich schon mal sagen. Es ist eine Freude zu sehen wie Leute sich so entwickelt haben in der Zeit. Von jedem Einzelnen, auch von der Performance her ist es ein Schritt nach vorne auf diesem Album. Wenn man das bei der Aufnahme mitkriegt, ist es schon schön.

RnR: Also werdet ihr auch die nächsten 10 Jahre mit Harris arbeiten?

Schulle: Wenn Harris das noch schafft, Ja!

RnR: Kommen wir am Ende zu der Frage, was euch aus den 10 Jahren an Erlebnissen am meisten in Erinnerung geblieben ist.

Hinni: Schlafmangel.

Schulle: Man muss Nerven haben – man muss wirklich gute Nerven haben! Also was ich über die Jahre gelernt habe, ist dass ich nicht mehr so schnell ausflippe, weil es einfach Nichts bringt. Man sieht Manches gelassener. Die schönsten Momente als Band sind eigentlich diese „Familienausflüge“.  Wenn wir nach Spanien, Italien oder Frankreich fliegen dürfen und über 2-3 Tage zusammen sind wie in einer Brüderschaft. Diese Momente finde ich sehr schön. Im Ausland ist es immer eine andere Sache, weil nicht jeder da uns kannte, und man nicht immer wußte was einen erwartete. Zumindest war es vor ein paar Jahren so. Ich genieße diese Momente wenn man so zusammen ist.

Hinni: Also Schlafmangel!

RnR: Habt ihr noch ein Schlusswort?

Schulle: Kauft diese Platte, verdammt!

Hinni: Martin ist Single und hat die Bandkasse.

Schulle: Genau! Und merken: 2.9. ist Stichtag. Tut euch was Gutes und kauft das Album…

Hinni: Tut uns was Gutes!

Schulle: …von einer sehr guten Band. Haha… Danke fürs Inti. Lass uns Bier trinken…

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